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Av1889Rosenstein

Titelblatt der „Blätter des Schwäbischen Albvereins“ vom September 1889 mit dem 1. Teil des Aufsatzes von Franz Keller.

Vom Rosenstein, veröffentlicht ab September 1889 in den Blättern des Schwwäbischen Albvereins von Franz Keller, Heubach.

Vom Rosenstein.

Von Franz Keller, pr. Arzt, Heubach.

Wir sind anläßlich der Gründung des Albvereins aufgefordert worden, die Sagen und Mären unserer Gegenden zu erzählen, und so will ich denn plaudern, wie's uns der Rosenstein angethan hat.
Es ist in den an einem hübschen Berg gelegenen Ortschaften der Glaube eingewurzelt, daß eben ihr Berg oder ihre Gegend das non plus ultra sei, und je kleiner der Ort, umsomehr hält er sich an solche landschaftliche oder alterümliche Heilige. Und das ist recht. Man nennt das Lokalpatriotismus. Wenn uns der grundgütige Schöpfer aber an einen ganz unverdient schönen Fleck Erde hingesetzt hat und wir daraus folgern, daß wir keine Hand zu rühren brauchen, das Schöne zu erhalten, zugänglich, ja oft noch schöner zu machen, so ist das schlecht. Wer die Bewohner des Landes kennt, wird mir Recht geben, daß hier das laisser aller mehr zu Hause ist, als in türkischen Reichen.
Daß hie und da Fremde die Gegend aufsuchen, liefert ihnen den mathematischen Beweis für den frommen Glauben des „schönsten Berges“, und man vegetiert weiter, ob Berge stürzen, Felsen krachen, der Scholle gleich, die auf der Erde liegt, tot lange ehe man stirbt; unsere schönen Wälder, unsere stolzen Felsen stehen albtraufhoch über uns Wichten.
Unsere Stellung in der Natur verdienen wir erst, wenn wir sie lieben und dieser Liebe auch den entsprechenden Ausdruck geben, die Hand gerührt zu haben zum Geben und Arbeiten, wenn wir auf dem Opferherd eines Rosenstein, oder wie diese Heiligtümer alle heißen mögen, gespendet haben den Genien der Haine und Berge, was ihnen gebührt. Doch wie viele Türken gibts noch, die schlafen da drunten am Albtrauf in süßer Ruh „wie 36 Monarchen“.
Ja, ich höre noch gar viele schnarchen, und sie zu wecken tönt mein Ruf in der Frühe eines herrlichen Albmorgens: Wachet auf, ein würdiger Tag wird dem Morgen folgen!
Freilich, so gar voll darf ich den Mund nicht nehmen, auch wir sind vor einem Jahr maulwurfklein am Rosenstein gesessen, aber Sie wissen ja, ein Saulus giebt immer den eifrigsten Paulus. Wohl waren auch wir den Eindrücken der Natur nicht unzugänglich, wohl ist uns die ewige Jugend der Schöpfung ins Innerste gedrungen, wenn der Morgensonnenschein einer Waldwiese uns in 1000 blitzenden Tautropfen anlachte, wohl hat sich uns des Mittags im Hochwald eine Wonne ins Herz gesenkt, wie wir sie sonst nur im Vollgenuß einer guten That finden; und abends im Mondschein auf den stillen Höhen, wie haben da die lieben Geister der Tannen, der Buchen, des duftenden Grases, der hohen Fruchthalme zu uns gesprochen; wer vermöchte je dem Zauber einer Mondnacht auf dem Albuch zu widerstehen, wo sehnsüchtig und schaurig wie aus einer vergangenen Zeit das Lied der Eule nur tönt, in leisem Windhauch die Blättlein der Buche lispeln und in zarten Schatten auf der weißen Straße miteinander spielen. Und am Rand des Gebirgs erscheinen langgestreckt vor uns bogengewölbte Rücken, die Särge vergangener Geschlechter; die Sprache der Natur erzählt uns, daß hier in grauer Vorzeit Menschen die Luft und den Kampf des Daseins genossen, daß dort Roms edler Sohn nach hartem, blutigem Ringen von dem feurigen Alemannen zertreten wurde, daß dort die Ureinwohner, die Bärenmarksauger, ihr lustiges Leben lassen mußten vor der Schärfe der keltischen Erzwaffen. Das erzählt uns trotz eines Dr. Weinland ein Mondscheingang auf der Alb.
Wer hat nicht das Heilige der Schöpfung gefühlt, wenn er je den erwachenden Tag mit frischen munteren Sinnen mitmachen durfte? In den Schatten der Nacht bergan, den Sitz bequem gemacht unter einer hohen Eiche, vor uns noch im Dunkel vergraben eine schmale Lichtung, das Gewehr über dei Schenkel gelegt — wir sind auf de Anstand — kein Laut ringsum, keine Regung lange lange. Jetzt wird es grau, es erscheinen in der Nähe in groben farblosen Umrissen Gesträuche und Bäume, ein Mäuslein raschelt im Moos, ein Vöglein wacht auf und singt ein kleines Liedchen, bald antwortet in der Ferne ein zweites, mit einem Schlag wird es heller, ein warmer Ton streift über Blatt und Gras, es singt und jubiliert überall und endlich überzieht die Wipfel der Bäume ein Gold, wie es nur die liebe Sonne zu malen vermag auf dem lebenden saftig grünen Blatt des Hochwalds. Das sind Genüsse, wozu man keine Verschönerungsvereine braucht. Aber es war doch mehr eine Art Naturphilosophie des Unbewußten, in der wir bis dahin lebten, wie Kinder in ihren phantasievollen Träumen, bis auf einmal Klarheit in diese unsere Philosophie kam.
Wie das zuging, ist vielleicht nicht uninteressant auch für weitere Kreise zu hören:
Der Ruine Rosenstein — früher Rossenstein (Weideplatz einer weißen Roßherde des Wuodan?) — bröckelte unter dem Einfluß des größten Zahnbrechers manch Stücklein aus ihrer Mauer, und wenn man sieht, wie das Schloß so grad über dem Schlafzimmer manches schnarchenden Heubachers hängt, und welch ansehnliche Quader von mehr als 1 Kbkm. im Mauerrand aufgetürmt sind, so könnte einem schon das Gruseln kommen. Uns vor unangenehmen Ueberrumpelungen zu bewahren, hat die Königliche Forstverwaltung im Jahr 1887die Ruinen durch Maurerarbeit mit Zement gründlich festigen lassen — „verputzen“ nannte es der Volksmund. Es wurde das noch Stehende der Mauern gut zusammengehalten und oben auf der westlichen Mauer, die wohl 1½ Meter breit ist, eine Fläche mit Rasenauflage hergestellt. Dadurch wuchs die Höhe an einzelnen Stellen um etliche Fuß. Der Zugang zu der Ruine ist so dürftig, daß es nötig war, eine Brücke zu schlagen, umd das Baumaterial hinüberzuschaffen. Diese wurde gerade an der Stelle, als dem passendsten Punkte, angelegt, wo einst die Zugbrücke der Ritter vom Rossenstein hing. Der Fels klafft da wohl 100´ tief und 90´ breit auseinander. Und wieder wie in den Zeiten der Hohenstaufen klang das fröhliche Lied der Zimmeräxte und der Zuruf arbeitender Mannen durch die Buchenwipfel. Gerüste erhoben sich um die Ruine, und die toten Ritter mochten glauben, ihre Zeit erstehe wieder. Doch kaum gedacht, ward der Lust ein End gemacht, im April 1888 wurde die Brücke um 20 ℳ an einen Bauern verkauft und mußte bis Ende Mai abgebrochen sein.